Shakespeare’s Hamlet und A Tribute to the Blues Brothers
21. Dezember 2018Sögel – Auf Shakespeares Spuren begab sich der Kulturkreis Clemenswerth am 29.09.18 in der Aula des Hümmling-Gymnasiums. Zum Auftakt der neuen Saison beglückte das Theater-Ensemble das geneigte Publikum mit „Hamlet“. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, stand heuer allerdings nicht, wie in den vorangegangenen Jahren, das in Sögel bereits allseits bekannte „Neues Globe Theater“, sondern die „Theater-Kompagnie Stuttgart“. Die automatisch mit der Darbietung des bekannten Dramas einhergehende Schwierigkeit, diesen alten Wein in neue Schläuche zu füllen, versuchte die Schauspiel-Truppe um das Ehepaar Schlösser dadurch zu bewältigen, dass sie der Geschichte um den rebellischen dänischen Prinzen einen ordentlichen Schuss Moderne beifügten. Die Handlung ist allseits bekannt und schnell erzählt: Hamlets Vater verstirbt überraschend, und sein Sohn kehrt aus Wittenberg zurück, um der Beerdigung beizuwohnen. Hier erfährt er von den neuen Heiratsplänen seiner Mutter, die den Bruder ihres Mannes, Claudius, bereits zu ihrem neuen Gatten erkoren hat. Durch Zufall begegnet Hamlet dem Geist seines verstorbenen Vaters und erfährt, dass dieser ermordet wurde, und zwar ausgerechnet von Claudius. Hamlet vertraut sich nur seinem Freund und Diener Horatio an und beschließt, sich verrückt zu stellen, um seinen Stiefvater genau beobachten und gegebenenfalls enttarnen zu können. Dies gelingt ihm schließlich mit Hilfe einiger Schauspieler, die am Hofe seiner Mutter das Verbrechen, welches sein Stiefvater begangen haben soll, erneut inszenieren. Hamlets Verhalten führt jedoch nicht nur zum erwünschten Erfolg: seine Verlobte Ophelia fühlt sich zurückgewiesen, und als ihr Vater versehentlich von Hamlet erschossen wird, verliert sie jeglichen Halt und begeht Selbstmord. Hamlets Mutter, die nach und nach hinter das Geheimnis um das verrückte Gehabe ihres Sohnes kommt, vergiftet sich selbst, während Hamlet mit Ophelias Bruder einen Fechtkampf auf Leben und Tod bestreitet. Beide werden tödlich verwundet, Hamlet gelingt es aber im letzten Moment noch, den Mörder seines Vaters hinzurichten, womit sämtliche Angehörige der dänischen Königsfamilie gewaltsam zu Tode gekommen sind. Eine Mauer aus grauen Quadern starrt das Publikum an: „In Memoriam Hamlet“ liest man sich flüsternd vor. Dann wallt Nebel über die Bühne, eine trostlose, windgepeitschte Landschaftsprojektion begleitet den Auftritt des jungen dänischen Prinzen. Ohne jede Vorwarnung stürmt ein Trupp schwer bewaffneter Männer die Bühne. Schwarze Ledermäntel und klobige Schuhe lassen ein Überfallkommando vermuten, aber es ist nur die königliche Garde, die die erstarrte Königin zum Grab ihres Mannes geleitet. Wer sich nun auf einen Abend in altertümlicher Gewandung und Sprache gefreut hat, wird zunächst leicht irritiert den Auftritt der königlichen Armee verfolgt haben, die mehr oder weniger wie eine militante Gruppierung aus dem Nahen Osten wirkt. Auch hinsichtlich der Sprache ist etwas faul im Staate Dänemark, denn die Regie greift hier recht entschieden in die überlieferte Textfassung ein und zeigt damit einen bewussten Interpretations- und Aktualisierungswillen, wobei aber viele lose Ansätze entstehen, deren Passung sich nicht immer erschließt. Am Hofe wird nämlich einerseits ein sehr modernes, nicht immer dem Standard entsprechendes Deutsch gesprochen, in welchem andererseits aber die wenigen Orginalzitate, die die Aktualisierung des Textes überlebt haben, fast unpassend wirken. Immer wieder wird die szenische Darstellung durch Hintergrundprojektionen unterstützt, zeitgemäße Bilder einer Schlacht verdichten die Atmosphäre und geben einen lebhaften Eindruck vom inneren Ringen des Prinzen. Mystische Momente, wie die Jagd nach dem Geist des Vaters, actiongeladene Szenen, wie der Kampf mit Laertes oder auch Tanzdarbietungen während der Schauspielvorführung am Hof vermitteln aber immerhin ein abwechslungsreiches Bild und verhinderten das Aufkommen von Langeweile. Nicht nur die Texte wurden demgemäß verfremdet, sondern auch der Konfliktstoff des Dramas wurde dahingehend verengt, dass vom Charakter Hamlets nur ein jugendlicher Stürmer übrig bleibt, der über seine Adoleszenzproblematik im Sinne eines „Sein oder Nichtseins“ barfuß auf einem Tisch sitzend monologisiert. Vom historischen Vorbild lässt die Darbietung also nicht viel übrig: es könnte ein junger Mann aus der Nachbarschaft sein. Lässt man sich auf diesen Interpretationsansatz ein, so passt Paul Elter ausgezeichnet in das Bild. In jeder Faser ein Rebell, erst nachdenklich humanistisch und am Ende stürmisch und auf Rache sinnend, durchlebt die Figur des Hamlets alle Phasen der Loslösung vom Elternhaus, die Abwendung von den Werten seiner Mutter und schlussendlich in zynischer Weise von den eigenen Idealen. Das abschließende Duell mit Laertes wirkt fast wie ein Actionfilm, so gekonnt kämpfen Hamlet und Christopher Wittkomp über die Bühne. Die Königin (Cornelia Schlösser) wirkt dagegen über weite Strecken wie eingefroren. Versteinert lässt sie alle Pläne ihres neuen Gatten über sich und ihr Reich ergehen, und als sie schließlich zum Giftbecher greift, stirbt sie so unauffällig, wie sie regiert hat. Dagegen ist Bernd Köhler als Polonius wirklich herrlich, ein jovialer Politiker, wie er im Buche steht, mit kräftiger Stimme, die sowohl Diener als auch die eigenen Kinder zu instrumentalisieren weiß. Das Publikum reagierte durchaus gespalten: Wie Pausengespräche im Foyer verrieten, waren sich nicht alle Zuschauer einig, ob man es auf der Bühne tatsächlich mit dem „echten“ Shakespeare zu tun hatte. Aber Werkimmanenz war hier auch offensichtlich nicht der angemessene Bewertungsmaßstab.Man mag also über die Inszenierung geteilter Meinung sein. Aber gerade hierin liegt wohl die besondere Qualität der Darbietung: sie sorgte für Diskussion. Es ist eben deshalb ausdrücklich zu begrüßen, dass der Kulturkreis so mutig war, von alteingetretenen Pfaden etablierter Darstellung abzuweichen und den Sögeler Kulturinteressierten Raum für neue Perspektiven zu geben.Wer daran interessiert war, der durfte sich jedenfalls beim Kulturkreis gut aufgehoben gefühlt haben und allen Anderen sei wärmstens der Februar empfohlen, denn mit Shakespeare geht es weiter, sodass diese Saison im Kulturkreis bestens geeignet ist, sich in Ruhe einen Überblick über das Werk des großen Autors zu verschaffen.Kulturkreis Clemenswerth zollt den „Blues Brothers“ Tribut Der 1980 produzierte, legendäre Musikfilm „The Blues Brothers“ ist wahrscheinlich den meisten Musik-Fans noch ein Begriff: Viele werden sich an die fantastische Filmmusik erinnern, einigen werden die chaotischen Actionszenen in guter Erinnerung sein und ein paar wenige werden die schlechten Witze rezitieren können – aber fraglos jeder erinnert sich noch an die zwei coolen Typen in ihrem Signatur-Look… womit wir beim Thema wären.Dass Leute mit Sonnenbrille eine Theatervorstellung besuchen, mag man seltsam finden, aber nach diesem Sommer ist man ja einiges gewohnt. Wenn dann aber nach den ersten zehn Minuten der Vorstellung das gesamte Publikum rhythmisch zuckt, schnipst und summt, fragt man sich unwillkürlich, ob die freundlichen Helfer an der Garderobe vielleicht seit neuestem einen Gratis-Cocktail ausschenken… Aber zu derartigen Tricks mussten die Verantwortlichen des Kulturkreises Clemenswerth gar nicht greifen. Stattdessen setzen sie auf grandiosen Sound, Action, Charme und… coole Typen. Das Kammertheater Karlsruhe hat mit „A Tribute to The Blues Brothers“ offenbar genau den Geschmack des Sögeler Publikums getroffen, denn schon lange nicht mehr war das Foyer der Aula des Hümmling-Gymnasiums so gut gefüllt. Wer allerdings damit gerechnet hat, nun den Film als Bühnenadaption zu erleben, dessen Erwartungen werden sogar übertroffen, denn man erfährt recht viel über die Hintergründe, die John Belushi und Dan Akroyd zu den von Gott gesandten „Brothers“ werden ließen. Dabei muss man allerdings nicht im Mindesten auf die Wucht der spektakulären Filmszenen verzichten. Ronald Tettinek und Jörg Bruckschen scheinen gewissermaßen direkt dem Film entsprungen, und spätestens, wenn die ersten Klänge des „Jailhouse Rock“ erklingen und man Tettineks großartige Interpretation zu hören bekommt, weiß man, dass dieser Abend herrlich werden muss.1982 stirbt der Komiker John Belushi an einem Drogencocktail, den er sich selbst verabreicht hat. Das Stück beginnt mit seiner Beerdigung. Judy Belushi trauert um ihren Mann (ganz toll gespielt und gesungen von Georgia Reh), und erinnert sich mit dem besten Freund des Verflossenen, Dan Aykroyd, an Johns Leben, beginnend mit dessen Entlassung aus dem Gefängnis, wobei der „Jailhouse Rock“ alle Melancholie der Beerdigungsszene vertreibt. Nachdem die Insignien der „Blues Brothers“ (schwarzer Anzug, Krawatte und Sonnenbrille) angelegt sind, lernt man Aykroyd bei „Saturday Night Live“ kennen, erfährt, dass Belushis spätere Frau Judy ihn erst nicht ausstehen konnte und begleitet die beiden sogar auf der Autofahrt, während der sie ihren dürftigen Plot zu „The Blues Brothers“ ersinnen. Und schließlich erfährt man auch von Belushis Hang zum Drogenkonsum und erlebt das Ende des Künstlers hautnah mit.Im Film wechseln sich aufregende Verfolgungsjagden mit grandiosen Musiknummern ab. Das ist auf einer Bühne freilich nur schwer umzusetzen, und ist wohl der Hauptgrund für die erweiterte Story, mit der die Theaterfassung zu fesseln weiß. Jedoch geht es so ganz ohne Action eben doch nicht, und dieses Problem wird mithilfe einer Leinwand, auf der, je nach Bedarf, Hintergründe und Filmszenen abgebildet werden, gut gelöst. Komplett erhalten bleiben die diversen Musikstücke, wobei Tettinek als geniale Besetzung (nicht nur wegen der äußerlichen Ähnlichkeit) auffällt. Eine klassisch ausgebildete Bassbariton-Stimme, welche sich normalerweise mit Opern befasst, kann auch herrlich die Songs der Blues Brothers performen. A propos, auch seine Räder, welche er elegant über die Bühne schlägt, sind nicht von schlechten Eltern. Wenn wir das in zwei Jahren nochmal sehen, beherrscht er wahrscheinlich schon den Flickflack Belushis. Aber auch der Rest des Ensembles eifert seinen großen Vorbildern ordentlich nach, Georgia Reh geigt als frustrierte Ehefrau mit Aretha Franklins Song „Think“ ihrem Mann die Meinung, und Jörg Bruckschen singt ohne jeden Zungenstolperer den Song „Rubber Biscuit“. Sämtliche Melodien werden live gespielt und die Band ist wirklich hervorragend. Über die vier hübschen Tänzerinnen, die zeitweise als Background, als Bühnenrequisit oder auch als angedeuteter Charakter fungieren, kann man nur staunen, so wandelbar sind sie in ihrer Präsenz.Beifall wird in Sögel ja bisweilen stehend gegeben…aber diesmal wurde nicht nur geklatscht. Zehn Minuten stand das Publikum, sang die Zugaben mit, wippte auf den Fersen und spendete begeistert Beifall.
Text: Felicitas Ehrhardt