Indien- eine Schnitzeljagd durch die deutsche Provinz
23. März 2018Sögel – Mit der Adaption „Indien- eine Schnitzeljagd durch die deutsche Provinz“ wollte der Kulturkreis Clemenswerth die Zuschauer in die Aula des Hümmling- Gymnasiums locken, leider schien das Publikum teilweise noch im Winterschlaf zu liegen, denn es wären noch Plätze frei gewesen.
Das neue Globe Theater ist aus dem Ensemble Shakespeare und Partner hervorgegangen und die Truppe ist in Sögel wohlbekannt und wohlgelitten, sodass man immer mit einer gewissen Vorfreude in die Vorstellung geht. Das Programmheft mit beigefügter Currymischung stimmte dann auch direkt auf den Abend ein- diesmal sollte es kein Klassiker sein, sondern die von Hader und Dörfer verfasste Tragikkomödie „Indien“. Das Stück wirbt mit Humor, wie er bei Loriot oder auch Polt zu finden ist, verfeinert mit einer Schlager-Geheimwaffe – also perfekt, um die Neugierde zusätzlich zu stimulieren.
Die Handlung ist unkompliziert, zwei Aufsichtskräfte im Außendienst durchqueren Brandenburg und testen dabei Hotelzimmer sowie das Essen. Dabei kommt es zu kleinen Schlagabtauschen, die Hackordnung muss schließlich geklärt werden. Kurt Felder (gespielt von Sebastian Bischoff) ist ein sehr förmlicher Mensch. Pedantisch weist er auf sämtliche Mängel und Makel des jeweiligen Hotels hin, dabei ist er eigentlich ein Feingeist, der Indien liebt. Im Gegensatz dazu ist sein Kollege Heinz Bösel (Andreas Erfurth) gerne mal bereit, für ein Paar Flaschen Wein Fünfe gerade sein zu lassen. Und wenn er genug getrunken hat, werden seine Zoten auch schon mal derber. Dabei geht der Humor leider komplett verloren. Durch die Reise werden die beiden trotzdem Freunde und als Felder plötzlich ins Krankenhaus muss und dort erfährt, dass er Krebs hat und sterben muss, sind die Rollen vertauscht – der Prolet Bösel zeigt seine verletzliche Seite und Felder wird selbstbewusst. Das Stück endet mit dem Tod Felders, der in schönster Bollywoodmanier in den Himmel tanzt.
Die Schlager-Geheimwaffe wird von Sara Emirze gespielt (er spielt auch alle anderen Rollen: Wirte, Ärzte und den Krankenhausclown) bzw. gesungen: Jede Szene endet mit einem Schlager, der nochmal kurz das Thema aufgreift, was gerade diskutiert wurde, sei es nun sie Sehnsucht nach Indien, oder Aufbruchsstimmung aus dem Alltag. Zu Beginn rief das noch Szenenapplaus hervor (bei „Ich war noch niemals in New York“ sah man diverse schunkelnde Zuschauer), wurde im Verlauf des Stückes immer seltsamer. Spätestens in den Krankenhaus- Szenen wirken die Schlager nur noch grotesk. Gerade hat man erfahren, dass Felder sterben muss, da wird einem „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ von einem rosa Kaninchen um die Ohren geknallt. Da bekommt der Begriff Tragikomödie sofort ganz neue Dimensionen.
Das Bühnenbild ist so einfach wie genial, drei Wände auf Rollen können durch Drehung und Schieben zu Gaststätten, Gängen, oder auch einem Krankenhaus werden, geringer Aufwand und große Wirkung, man kann sich wunderbar in die verschiedenen Szenarien hineinversetzen.
So im Rückblick rief der Abend genau die Gefühle hervor, die man sich von einer Tragikomödie wünscht, es gab Stellen zum Lachen, Stellen die zum Nachdenken anregen und Stellen, die fast schon unangenehm waren… trotzdem hat das Ganze einen etwas schalen Nachgeschmack hinterlassen, der mir bei Loriot bis jetzt fehlte. Auch sind Bischoff und Erfurth zwar durchgängig auf der Bühne, jedoch verblassen ihre Auftritte neben denen vom Emirze, und wenn Nebenrollen deutlicher im Gedächtnis bleiben, als die beiden Protagonisten, läuft etwas verkehrt. Nachhaltig wirkt sich der Abend auf jeden Fall aus, morgen gibt es Curry und ich habe einen Ohrwurm von „Kalkutta liegt am Ganges“- eine Schlagerperle, die mir bis dato unbekannt war, Theater erweitert definitiv den Horizont.
Text: Felicitas Ehrhardt