„Klangräume in Ostfriesland“ – Orgelbesichtigungstour
1. Oktober 2015Sögel – „Klangräume in Ostfriesland“ – Zur Tagesfahrt des Fördervereins der Kirchenmusik an St. Jakobus am 8.August hatte ich mich ein wenig unentschlossen angemeldet. Zwischenstopps an Kirchen mit interessanten Orgeln sollte es geben. Interessante Orgeln in ostfriesischen Dorfkirchen? Naja, dachte ich mir, besonders aufregend kann das nicht sein. Aber weit gefehlt! Diese Fahrt mit 28 musikbegeisterten Menschen war ein Erlebnis, das mich nachhaltig beeindruckt hat und über das ich hier gerne einen kurzen Bericht gebe.
Erstes Ziel war die Ludgeri-Kirche in Norden. In dieser Kirche ist die größte Orgel Ostfrieslands zu sehen. Das romanisch-gotische Bauwerk wurde in mehreren Bauabschnitten bis Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet und ist mit rund 80 Metern Länge der größte erhaltene mittelalterliche Sakralbau Ostfrieslands. Die Orgel ist etwas ganz Besonderes – sozusagen eine Stradivari unter den Orgeln. Der berühmte Orgelbauer Arp Schnitger (1648 – 1719) schuf sie in den Jahren 1686 bis 1692. Sie ist Schnitgers zweitgrößtes erhaltenes Werk in Deutschland. Die Organistin an der Kirche erweckte den Klang dieses Instrumentes mit wundervoll gespielter Musik für uns zum Leben. Dieser ist an allen Stellen des Kirchenraumes erfahrbar, bedingt durch die besondere Aufstellung und die perfekte Anpassung des Instrumentes an den Raum. Wir erfuhren, dass das Instrument dank einer umfassenden Restaurierung in den Jahren 1981 bis 1985 wieder im alten Klang zu hören ist. Historisch und musikalisch ein Kunstwerk von internationalem Rang!
Weiter ging es nach Pilsum. Der Weg führte uns durch die facettenreiche ostfriesische Landschaft, durch viele ursprünglich erhaltene Dörfer. In der Pilsumer Kreuzkirche befindet sich eine 1694 von Valentin Grotian gebaute und noch größtenteils unversehrt erhaltene Orgel, die nach den Orgeln von Arp Schnitger als eine der bedeutendsten Barockorgeln Ostfrieslands gilt.
Auch hier konnten wir, dank der anschaulichen Führung durch Frauke Sparfeldt, die Ausführung und den Ausbau dieser besonderen Orgel kennenlernen. Wir hörten, dass sich ihr farbiger Klang in mancher Hinsicht von einer Schnitger- Orgel unterscheidet und erfuhren, dass dies unter anderem auch am Bau der Pfeifen liegt. Grotians Pfeifen weisen einen höheren Bleianteil auf und sind weniger fein gearbeitet als bei Schnitger. Grotian baute eher traditionell, während Schnitger als fortschrittlich galt. Auch für das Auge hat die Pilsumer Orgel viel zu bieten. Begeistert bewunderten wir das reiche Schnitzwerk sowie die seitlichen Blendflügel, die stumme Pfeifen enthalten.
Letzte Station unserer Fahrt war die Klosterstätte Ihlow in der Nähe von Aurich. Hier konnten wir mit eigenen Augen sehen, wie eindrucksvoll die frühere Klosteranlage der Zisterzienserabtei „Schola Dei“ gewesen sein muss. Mehr als 68 Meter lang und im Querhaus rund 35 Meter breit – so groß war diese um 1228 gegründete Anlage. Um dieses Raumerlebnis nachzuempfinden, wurde in den Jahren 2005-2009 mitten im Wald eine „Imagination“ der Klosterkirche aus Stahl und Holz geschaffen. Sie vermittelte uns den Eindruck davon, wie imposant die frühere Klosteranlage war. Wie wohl die Mönche hier einst lebten? Zu der Anlage gehört auch ein unterirdischer Raum, eine Kombination aus Ausstellungsraum und Begegnungsstätte mit einem Altar. Vor der Heimfahrt feierten wir mit Burkhard Becker an diesem besonderen Ort einen schönen Gottesdienst, der uns diesen Tag noch einmal Revue passieren ließ.
Danken möchte ich im Namen aller Teilnehmer dem Planungsteam des Fördervereins, das für uns einen unvergesslich schönen Tag vorbereitet hat. Auch die gute Verpflegung mit Mittagessen, Kaffee und Kuchen möchte ich nicht unerwähnt lassen. Ein Dank geht auch an Burkhard Becker für einen bewegenden Gottesdienst. Ein ganz besonderer Dank gilt unserer Kantorin Frauke Sparfeldt, die uns in ihrer Begeisterung für besondere Orgeln und ihre klanglichen Möglichkeiten mitgerissen hat.
Die Teilnehmer der Fahrt sind sich einig: Es wird sich lohnen, in der St. Jakobus-Kirche eine Orgel mit richtig guten klanglichen Möglichkeiten zu bauen. Sögel hat eine Kantorin, die es versteht, diese klanglichen Möglichkeiten zu nutzen. Viele Generationen begeisterter Organisten und Organistinnen werden auf dieser Orgel musizieren können. Und wer weiß? Vielleicht ist es schon bald lohnenswert, im Rahmen einer Orgeltour durch Ostfriesland einen Abstecher zum Hümmling zu machen?
Text: Theresia Vismann-Többen / Foto: Förderverein